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Andreas Weber

Biographie
Andreas Weber, geboren 1967, studierte Biologie und Philosophie in Berlin, Freiburg, Hamburg und Paris. Als freier Autor, Journalist und Redakteur schreibt er regelmäßig Beiträge für große Magazine und Zeitungen, u. a. für GEO. Andreas Weber lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Berlin.
Interview
Was ist das Neue an den Gedanken in ihrem soeben erschienenen Buch Biokapital? Die Diskussion zwischen Ökologie und Ökonomie reicht doch schon bis in die 1970er Jahre zurück!

Für mich zeigt gerade der Umstand, dass diese Dikussion so lange anhält: Wir haben die entscheidenden Fragen nicht gelöst. Nach dem Öko-Boom der 1970er und 1980er Jahre ist es ja auch erst mal wieder still um die Ökologie geworden. Damals sah die Bewahrung von Natur immer noch aus wie ein Wohlstandsphänomen: Wenn wir reich genug sind, können wir uns ein bisschen Naturmuseum leisten. Heute aber begreifen gerade Ökonomen: Es gibt gar nicht die Alternative zwischen Überleben der Biosphäre und Überleben der Wirtschaft. Wenn das Gefüge der Natur zusammenbricht, also die bisher unentgeltlichen Lebensleistungen all der unzähligen und meist unsichtbaren Orga-nismen, dann bricht auch das Wirtschaftswachstum zusammen. Das zeigen jetzt schon viele Beispiele, etwa in der Dritten Welt, wo Armut und Naturzerstörung eng miteinander verflochten sind. Die UN weist auf diesen Zusammenhang immer wieder hin.

Worin unterscheidet sich Ihre Forderung, dass die Dienste der Biosphäre und viele Aspekte der Kultur als Gemeingüter gelten sollten, von den Ideen des Sozialismus?

Im Sozialismus spielt Natur eine sehr untergeordnete Rolle. Das geht bis auf Marx zurück, der Wert als das Ergebnis von Arbeit (und deren Ausbeutung) festsetzte. Wert ist aber in meinen Augen vor allem ein Beitrag der Natur – heute etwa sichtbar in der Bedeutung der fossilen Brennstoffe für unsere Wertschöpfung. Doch Gemeingut im Sozialismus heißt: Staatseigentum. Das ist eine sehr bürokratische Sache und führt geraewegs in die Unfreiheit. Die Gemeingüter der Biosphäre und der Kultur, die ich, einem Vorschlag von Peter Barnes folgend, von Stiftungen verwalten lassen würde, sollen niemandem gehören, aber ihre Dienste allen bereitstellen. Die Stiftungen würden nicht die Räson eines bürokratischen Staates verfolgen, sondern fungierten sozusagen als Sachwalter der Schöpfung.

Sie wollen Grenzen für lebensschädigendes Verhalten setzen. Leisten Sie damit nicht einer Ökodiktatur Vorschub?

Im Gegenteil. Mein Vorschlag steht schon deshalb einer Ökodiktatur im Wege, weil ich für eine sehr direkte, partizipative Demokratie auf unterster Ebene und in überschaubaren Einheiten plädiere. Von Diktatur sollte man eher in unserem bisherigen System sprechen – nämlich von einer des Marktes. Dieser legt ja ebenfalls Grenzen fest. Alles, was nicht kurzfristiges Bilanzwachstum verspricht, ist unerwünscht. Diese uns vom Markt auferlegten Grenzen sind freilich nicht die, derer wir als lebende Subjekte bedürfen – als Wesen, die sich in Freiheit gemäß ihrer Art entfalten wollen. Erst innerhalb solcher „Grenzen des Lebens“ wäre ein Markt möglich, der nicht zur Despotie neigt und keine Despoten produziert, wie es die internationalen Konzerne und das internationale Finanzkapital zur Zeit sind. Eine biosphärisch und solar wirtschaftende Welt wäre notwendig demokratisch und human. Dafür brauchen wir eine „Politik des Lebens“, wie ich sie skizziere.

Ist Ihre Haltung nicht latent ökofaschistisch, weil Sie den Wert von Gemeinschaft, Natur und Biologie so stark betonen?

Wir haben uns angewöhnt, jede Erinnerung an so etwas wie unser „Wesen“ als totalitär abzutun. Die Philosophen und Sozialdenker der letzten 200 Jahre predigen die einsame Freiheit unserer Kultur – die rationale Entscheidung darüber, wer wir sein wollen. Doch im Namen dieser Selbstbestimmung und des Bildes eines neuen Menschen wurden unsägliche Verbrechen begangen, etwa im Bolschewismus. Für mich ist es so, dass wir heute auf eine nie da gewesene Bedrohung unserer Kultur zulaufen, weil wir vergessen haben, was wir sind: ein lebendes Wesen, das fühlt, das andere nötig hat, das in die Gemeinschaft allen Lebens eingebunden ist, sowohl seelisch wie auch materiell und wirtschaftlich.

Sitzen Sie mit Ihren Ansichten nicht buchstäblich zwischen allen Stühlen, weil Sie auf der einen Seite womöglich zu hohe Ansprüche an die Veränderungsbereitschaft und –fähigkeit der Menschen stellen, auf der anderen Seite aber für so manchen radikalen Weltverbesserer viel zu schwammig und „gefühlig“ bleiben?

Radikale Weltverbesserung ist immer schlecht. Die führt entweder in die Marginalität – keiner interessiert sich dafür – oder ins Totalitäre. Gleichwohl müssen wir radikal un-sere Welt verbessern. Das ist die Paradoxie, der sich jedes Reden über Nachhaltigkeit stellen muss. An ihr ist alle grüne Politik bisher gescheitert. Ich schlage darum drei Schritte vor: Zuerst gilt es zu akzeptieren, dass wir ein in die belebte Welt eingebettetes fühlendes Wesen mit bestimmten, aber begrenzten Bedürfnissen sind - und kein rationaler Akteur und Totaloptimierer; sodann geht es darum, die Bedingungen festzusetzen, unter denen wir als solche Wesen vernünftig weiterexistieren können; und schließlich sollten wir innerhalb dieser Bedingungen den Handelnden die maximale Freiheit gewähren. Das Ziel sollte meiner Überzeugung nach Selbstorganisation oder Autonomie sein, aber eben nicht entfesselt, sondern im Rahmen eines größeren, lebenden Ganzen. Das mag sich gefühlig anhören, heißt aber in meinen Augen nur, der Natur abzuschauen, wie sie seit Jahrmilliarden ihren Haushalt organisiert. Dort herrscht nämlich gerade nicht die Despotie des „Immer-Besser“, wie es Kapitalisten und Kommunisten seit 150 Jahren glauben. Dort ist vielmehr Gegenseitigkeit zwischen freien Subjekten organisiert.

Ist Ihr Vorschlag nicht purer Luxus – ein schöner Traum, den wir uns aber eigentlich nicht leisten können?

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten heißt es meist: Erst mal Arbeitsplätze sichern – um die Natur kümmern wir uns, wenn wieder Geld da ist. Das ist das Vorurteil vom Naturschutz als Wohlstandsaufgabe. Doch in Wahrheit ist es andersherum: Wir können es uns schlichtweg nicht leisten, so weiter zu machen wie bisher. Würde man nüchtern bilanzieren, welche Kosten eine schwindende Natur tatsächlich verursacht, so wüssten wir, dass wir schon heute längst im Minus sind. Zu Shrimpsfarmen ausgebaggerte Mangrovenwälder in Asien etwa verursachen nach den Rechnungen führender Ökonomen einen gigantischen volkswirtschaftlichen Verlust gegenüber dem Zustand einer unberührten Küste. Auch in Deutschland gibt es (etwa in den Neuen Ländern) eine wachsende Zahl von Regionen, denen mit herkömmlichen Wachstumsrezepten längst nicht mehr beizukommen ist. Würde man dort Natur anders bewerten, wären sie reich. Das Gleiche gilt für Entwicklungsländer, deren Regenwälder eigentlich unschätzbar sind. Das für eine Rettung der nötigsten Dienste der Biosphäre erforderliche Kapital ist lächerlich gering – 25 Milliarden Euro pro Jahr würden weltweit ausreichen. Mit den jetzt in den USA geforderten 700 Milliarden Dollar Finanzhilfe für die Spekulanten der Wall Street ließe sich die Biosphäre 28 Jahre lang beschirmen.

Wenn Sie Steuern und Subventionen daraufhin umstellen wollen, dass Wachstumsanreize immer der Erhaltung der Biosphäre nutzen, machen Sie dann nicht die Wirtschaft kaputt?

Im Gegenteil. Wir wissen doch alle, dass wir so nicht weitermachen können – es genügt schon ein Blick nach Asien auf die kommenden Milliarden eines neuen Mittelstands, die alle mit PKWs versorgt werden wollen. Dazu reichen aber weder die Rohstoffe noch die Abfallaufnahmefähigkeit unseres Planeten aus. Das Problem ist, dass sich eine Wirtschaft, die immer nur nach Wachstum schielt, eines Tages selbst zerstört. Natürlich ist es möglich, dass sie punktuell auf Kosten anderer Regionen noch eine Weile wächst. Dieses Ungleichgewicht beherrscht ja heute den Planeten. Ich finde es geradezu obszön, die letzten Ressourcen auszubeuten, sich gierig zu bereichern und gleichzeitig fatalistisch auf den großen Knall zu warten. Der wird, wie gerade an den Weltbörsen, nämlich eher früher als später kommen. Dagegen hat sich gezeigt, dass ein biosphärisches Wirtschaften die Ökonomie fast stets beflügelt und innovativ macht. Bei jeder neuen nachhaltigen Technik hat es erst einen Aufschrei gegeben, danach aber lief das Geschäft – denken wir nur an die Einführung des geregelten Katalysators, Dämmstandards für Häuser oder Solarenergie. Ökonomen können diese Vorteile heute knallhart berechnen und zeigen, dass zum Beispiel Biolandwirtschaft für Erzeuger und Verbraucher wirtschaftlicher wäre. Leider aber verhindern das Lobbyisten, etwa der Automobil- und Chemiekonzerne, und streuen uns Sand in die Augen. Der Steuerzahler finanziert darum heute einen durch und durch utopische Wirtschaft, die den Gewinn in den Taschen weniger konzentriert, und zahlt dabei dreifach drauf: durch die Fehlsubventionen, durch die verpassten Einsparmöglichkeiten, und durch ungesunde und das Leben schädigende Nahrung.

Inwieweit sehen Sie sich durch die aktuellen Turbu-lenzen auf den internationalen Kapitalmärkten in Ihrem Ansatz bestätigt? Wie interpretieren Sie, was da gerade vor sich geht? Haben Sie Lösungsvorschläge?

An der Wall Street sehe ich die Spitze des Eisberges, der gerade zerfällt. Was passiert, ist die Folge davon, dass sich die Finanzwelt vollkommen von der Wirklichkeit abgekoppelt hat, was wiederum von den Regierungen toleriert oder sogar gefördert wurde. Der „Giftmüll“ an schlechten Hypotheken ist im Computer so zubereitet worden, dass er jeglichen Bezug zur Wirklichkeit, zu den Häusern, auf denen die Hypotheken lasten, und zu ihren Käufern verloren hat. Genau das ist das Problem der Finanzwirtschaft: Gewinne dort spiegeln nicht eine Situation in der realen Welt wider. Das hat verheerende Folgen für alle Gemeingüter und für die Natur: Viele Leistungen wie Krankenversorgung, Wasser und Strom, die Bahn, aber auch Kul-turinstitutionen wie etwa Verlage und Zeitschriften werden ka-pitalisiert und an der Börse gehandelt. Inhalte und Leistungen richten sich von da an allein danach, was in den Spielchen auf dem Finanzparkett Renditen von 15 Prozent und mehr bringt. So ist es lukrativer, den Gesamtbestand einer Fischart im Ozean bis zu ihrem Verlöschen abzuernten und den Gewinn in Finanzderivate zu investieren, als diese Nahrungsquelle so zu pflegen, dass sie auch noch in hundert Jahren Gewinn abwirft. Aber wie wir gerade an der Wall Street sehen, ist das so gewonnene Geld gefährlich virtuell: Während man einen nachhaltigen Fischbestand in hundert Jahren noch wirklich essen kann, verdampfen die überhitzten Finanzprodukte eines Tages spurlos. Dann sind die Meere leer und die Konten.
Bibliographie
Alles fühlt
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Biokapital
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